Die harte Wahrheit – Teil 4

Die Partei, die es bräuchte

Dies ist Teil  4 einer siebenteiligen Serie über politische Strategie, Klimapolitik, Widerspruch und die Frage, wie Systeme überleben, die sich selbst nicht genügen. Wenn du Teil  1, Teil 2 und Teil 3noch nicht gelesen hast, findest du sie hier: TEIL 1, TEIL 2 und TEIL 3

Die Texte entstanden im Rahmen einer Chinareise im September 2025, gemeinsam mit einer Wirtschaftsdelegation. Sie sind bewusst essayistisch, zugespitzt, manchmal spekulativ. Die Fakten stimmen im Großen. Die Perspektive ist meine. Feedback jederzeit willkommen.

Der Thomas Shelby der Industriegesellschaften

Wenn ich durch Shanghai schlendere, sehe ich keine leuchtenden Reden auf großen Plätzen. Ich sehe Baukräne, Fabrikhallen, Solaranlagen, E-Mobilität. Ich sehe den Transrapid. Bei uns eine ferne Idee, hier fährt er wirklich. Ich sehe Baustellen, die nicht jahrelang versanden, sondern abgeschlossen werden. Und eine hyperdigitale Verwaltung, die deshalb nicht auffällt, weil sie funktioniert. Gruselig gut funktioniert.

Shanghai wirkt nicht ideologisch. Ich hatte Propaganda erwartet: Große Plakate, Parolen, vielleicht ein bisschen Sozialismus auf wehenden Fahnen und Beton. Aber das einzige Poster, das ich finde, hängt vor einem Kindergarten und preist die Polizei als Freund und Helfer. Unschuldig in seiner Anmutung und harmlos. Nichts erinnert hingegen an die wuchtigen aber leeren Heilsversprechen, der DDR und der Sowjetunion. Stattdessen eine Stadt, die etwas ausstrahlt, das man in Europa fast verlernt hat: Entschlossenheit.

Wäre Shanghai eine Figur aus einer Serie, es wäre Thomas Shelby. Der Anführer der Peaky Blinders, ein Gangster im Nachkriegs-Birmingham, moralisch alles andere als makellos, aber ausgestattet mit einer Qualität, die Politik selten geworden ist: Entschlossenheit. Der nicht redet, sondern tut. Der den Tunnel sieht und weitergeht. Nur wer wären wir in diesem popkulturellen Gleichnis? Frodo, der mit edlem Herzen leidet? Oder Boromir, der an den eigenen Widersprüchen zerbricht?

Denn während wir in Deutschland unablässig davon sprechen, was wir alles wollen, zeigt Shanghai, was es heißt, etwas zu machen. Nicht perfekt, nicht frei im westlichen Sinn. Aber: wirksam. Und diese Wirksamkeit entfaltet eine seltsame, fast verstörende Anziehungskraft. Nicht, weil sie moralisch überzeugt, sondern weil sie real ist.

Das politische Vakuum

Blicken wir zurück. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands nach 1945 war getrieben von Fortschrittsoptimismus und Technologiebegeisterung. In einer zerstörten Welt entstand so ein hochproduktiver Produktionskern: Stahl, Maschinen, Energie, Infrastruktur, Facharbeit, Export. Made in Germany war kein moralisches Prädikat, sondern ein technisches. Die Konkurrenz war überschaubar, die Nachfrage global. Ein Spiel mit wenigen Gegnern, in dem man fast beiläufig gewann.

Doch dieser historische Vorteil wurde zur Legende. Und die Legende verdeckte den Blick auf die Realität, als die Welt sich veränderte. China kam. Korea kam. Indien. Neue Technologien veränderten Rohstoffketten, Produktionsmethoden, ganze Branchen. Wir aber? Wir diskutierten. Reparierten. Verwalten. Genehmigungen stocken. Die Zukunft? Heute ist sie oft nicht viel mehr als eine PowerPoint-Präsentation. Und trotzdem glauben wir bis heute: Das reicht. Wohlstand als Dauerzustand. Daran haben wir uns eben gewöhnt.

Was dabei immer deutlicher wird, ist nicht ein Mangel an Wissen, sondern ein Mangel an Richtung. Es fehlt nicht an Parteien. Es fehlt an einer Partei, die bereit ist, die Dinge auszusprechen, ohne sich hinter Floskeln, Koalitionsarithmetik oder moralischer Selbstvergewisserung zu verstecken. Eine Partei, die nicht fragt, wie man niemandem wehtut, sondern wie man ein Land handlungsfähig hält.

Nur gibt es das nicht mehr. Denn jede Partei hat heute ihre Lebenslüge. 

Die Lebenslügen der Parteien:
Die FDP

Schauen wir uns zunächst die FDP an. Schlicht, weil an ihr das Grundproblem der deutschen Parteienlandschaft besonders deutlich wird. Beispiel Verbrenner. In der Debatte um den Verbrennungsmotor tat die Partei so, als ließe sich mit der mythischen Substanz der E-Fuels Geschichte anhalten, weil man so Porschefahrer nicht verprellt. FDP Vertreter sprechen gerne von Technologieoffenheit, wo sie in Wahrheit nur eines sind: entscheidungsscheu. 

Denn während hierzulande debattiert wird, hat China längst geliefert. Dort sind E-Autos Folge einer Strategie: Parkprivilegien, schnellere Zulassung, steuerliche Vorteile. Und das ganz ohne Verbote übrigens. Kein Kulturkampf um Benzin im Blut, sondern Strukturpolitik. China zeigt, wie Technologieoffenheit in Wahrheit aussieht: Ein klarer Plan mit klaren Zielen und offen für die Technologie, die sich schon jetzt als zukunftsfähig erwiesen hat. In Deutschland aber war die Debatte um Technologieoffenheit nie etwas anderes als Identitätspolitik und Klientelpolitik. Für Menschen, die sich ein Leben ohne V8 nicht vorstellen können.

Man muss allerdings zugestehen, dass es sich zurzeit keine Partei wirklich traut ihre Klientel zu verstimmen. Nur bei der FDP wurde dieser Widerspruch zwischen liberal-refomerischen Anspruch  und dem Einknicken vor dem eigenen Klientel besonders deutlich. Kein Wort zu Beamtenpensionen. Keine Antwort auf die Frage, wie man ein Land mit 30 Millionen Rentnern finanziert. Dieselbe Partei, die den Markt beschwört, verweigert die Reform der Rente und der Beamtenpensionen, tickende Zeitbomben auf Kosten der Jungen. Liberal wäre, das offen zu sagen. Aber dann hätte sich die Partei mit ihren Kernwählern angelegt. Stattdessen wird ein epischer Eiertanz aufgeführt (Technologieoffenheit). So verschwindet man völlig zu Recht in der Ramschabteilung des politischen Angebots.

Die SPD

Vor eben dieser Perspektive steht auch die SPD. Sie spricht von Gerechtigkeit, als ließe sie sich vom ökonomischen Unterbau trennen. Als könne man verteilen, ohne zuvor definiert zu haben, was überhaupt noch erwirtschaftet werden soll. Dabei bröckelt genau diese Basis. Immer weniger Junge zahlen für immer mehr Alte. Immer mehr Branchen kämpfen mit Fachkräftemangel, Kosten und Überregulierung. Industrie schrumpft nicht mehr nur punktuell, sie verliert ihren Kern. Und doch redet die SPD weiter, als ließe sich Aufstieg durch sentimentale Rhetorik erzeugen. Soziale Mobilität, Teilhabe, Chancengleichheit, alles wichtige Begriffe. Aber ohne ökonomische Dynamik werden sie zur Pose ohne tragende Kraft.

Dabei wusste die SPD einmal, was es heißt, die Klassenfrage real zu stellen, und nicht nur zu behaupten. Helmut Schmidt, Jahrgang 1918, war kein großer Redner. Aber er war ein Realpolitiker mit strategischer Intelligenz. Er ließ das Forschungsschiff Polarstern bauen, nicht weil ihn das Meer faszinierte, sondern weil er wusste, dass sich in der Arktis der nächste geopolitische Rohstoffwettlauf abzeichnen würde. Für ihn war Politik keine Sozialkunde, sondern Sicherheit durch Substanz. Energie, Technologie, Infrastruktur, nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für Gerechtigkeit.

Diese Art zu denken ist der SPD abhanden gekommen. Heute produziert sie Rentenpakete, aber keine Standortstrategien. Sie reformiert Sozialleistungen, aber nicht die Produktionsseite. Sie führt Debatten über Umverteilung, aber kaum noch über Investition. Und wenn sie doch einmal investiert, geschieht es oft fragmentiert, ohne Plan, ohne industriepolitischen Kompass.

Das Problem ist nicht, dass die SPD sich um die Schwächeren kümmert. Das Problem ist, dass sie zu selten fragt, woher die Stärke kommen soll, die es dafür braucht. Dass sie Leistung und Schutz nicht mehr zusammendenkt, sondern getrennt hat. Als sei Umverteilung ein Dauerzustand, nicht das Ergebnis eines funktionierenden Systems.

Die klassische Sozialdemokratie verstand Gerechtigkeit nie als Moralfrage, sondern als Organisationsprinzip: Wer arbeitet, soll teilhaben. Wer fällt, wird getragen. Wer plant, muss auch bauen dürfen. Heute aber wirkt vieles defensiv, rückversichernd. Die große Richtung ist verloren.

Dabei wäre die Formel so einfach wie die BRD alt ist: Keine Gerechtigkeit ohne Produktivität. Kein Sozialstaat ohne industrielle Tiefe. Keine politische Stabilität ohne ökonomische Souveränität. Helmut Schmidt hätte das nicht auf einem Poster formuliert. Aber er hätte es getan. Er war kein Sozialromantiker, sondern ein strategischer Pragmatiker. Gerade deshalb war seine Politik glaubwürdig. 

Die Union (CDU/CSU)

Die Union hingegen erzählt vom Wohlstand wie ein Naturphänomen zwischen Rhein und Oder. Als wäre er einfach da, solange man fleißig ist, die Hecke schneidet, zum Frühschoppen geht und bloß nicht das Ehegattensplitting abschafft. Wachstum wird beschworen, aber kaum jemand benennt, unter welchen Bedingungen es überhaupt noch entstehen kann. Der ökonomische Aufstieg der fünfziger und sechziger Jahre, der „Wohlstand für alle“,  war kein Wunder deutscher Tüchtigkeit allein. Er basierte maßgeblich auf günstigen globalen Rahmenbedingungen, immensen staatlichen Investitionen und vor allem: auf Zuwanderung. Millionen sogenannter Gastarbeiter bauten jene Industrie mit, die später zum deutschen Markenkern verklärt wurde. Das Wirtschaftswunder trug nicht nur Anzüge, es sprach auch Italienisch, Türkisch, Griechisch, Jugoslawisch.

Heute will die Union Migration begrenzen, ohne zu erklären, wie ein alterndes Industrieland ohne junge Arbeitskräfte funktionieren soll. Sie fordert Leistung, aber ignoriert, wer sie künftig noch erbringen soll. Die Wahrheit ist so einfach wie unbequem: Ohne Migration wird es keine Pfleger geben, keine Paketboten, keine Kita-Erzieher, keine Poliere auf der Baustelle, niemanden, der morgens den Müll wegräumt oder abends die Eltern versorgt. Und längst geht es nicht mehr nur um einfache Tätigkeiten. Auch Ingenieurstellen, IT-Posten, Ärzte auf dem Land bleiben unbesetzt weil nicht genügend Menschen da sind. Oder weil man jenen, die kommen könnten, das Gefühl gibt, sie seien hier höchstens geduldet.

Aber statt diese Wahrheit auszusprechen, duckt man sich weg. Man will seiner Wählerschaft nichts zumuten. Man fürchtet den Shitstorm aus der Vorstadtsiedlung, wo „Achmed“ lieber nicht in der Nachbarschaft wohnen soll, auch wenn Achmed der ist, der auf Station den Nachtdienst übernimmt. Konservatismus ist an dieser Stelle nicht das bewahrende Denken, als das er sich gern ausgibt, sondern eine Mischung aus Denkfaulheit und Kulturpessimismus. Es ist kein Versuch, eine Gesellschaft zu stabilisieren, sondern ein Versuch, sie in Ruhe zu lassen auch wenn es diese Ruhe längst nicht mehr gibt.

Und als wäre das nicht genug, versäumt die Union genau jene Aufgaben, die konservative Politik eigentlich groß machen könnten: Infrastruktur erhalten, Institutionen stärken, Bildung absichern, Zukunftsfähigkeit organisieren. Der Glasfaserausbau ist in weiten Teilen des Landes ein Witz. Die Bahn eine Zumutung. Die Schulen? Teils baufällig, digital abgehängt, unterbesetzt. Und doch wird an einer Schuldenbremse festgehalten, die längst nicht mehr bremst, sondern blockiert. Jeder weiß, dass sie faktisch schon mehrfach umgangen wurde. Aber man tut weiter so, als sei sie ein Prinzip. Dabei ist sie längst nur noch ein Ritual zur Beruhigung der schwäbischen Hausfrau.

So fühlt man sich als Wähler irgendwann nicht nur im Stich gelassen, sondern verschaukelt. Denn was hier fehlt, ist nicht nur Geld, sondern Ehrlichkeit. Nicht nur Reform, sondern Richtung. Statt Entschlossenheit à la Thomas Shelby, der handelt, selbst wenn es weh tut, bekommt man das politische Äquivalent von Prinz Valium: eine Figur, die im Morgenmantel durch die Kulissen trottet, mit traurigem Blick auf die Umfragen und der heimlichen Hoffnung, dass der Sturm schon an einem vorbeiziehen wird, wenn man sich nur lange genug tot stellt.

Aber so funktioniert Politik nicht mehr. Wer den Wandel nicht organisiert, wird vom Wandel überrollt. Und wer den Preis für Wirklichkeit nicht zahlen will, wird den Preis für Verdrängung zahlen. Konservatismus ohne Zukunft wird zur Verwaltung der Vergangenheit und die hat es an sich, irgendwann zu zerbröseln.

Die GRÜNEN

Die Grünen schließlich? Sie haben das richtige Ziel, aber keinen Plan, wie man wirklich dorthin kommt. Sie denken Ökologie ohne Industrie, als könne man den Umbau der Gesellschaft auf Erleuchtung gründen. Transformation ohne produktive Basis bleibt ein moralischer Wunschzettel. Und genau so wirkt es oft: wohlmeinend, korrekt, mit dem richtigen Problembewusstsein  aber ohne gesellschaftliches Fundament.

Es ist kein Zufall, dass grüne Politik in der Lebenswelt vieler Menschen als Zumutung erlebt wird. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie sich oft selbst genügt. Sie appelliert an Verzicht auf Flugreisen und die Einsicht eine Wärmepumpe einzubauen, wo sie Perspektiven bieten müsste. Sie setzt auf Vernunft, wo es ökonomische Anreize bräuchte. Doch Zustimmung entsteht nicht durch Richtigkeit allein. Sie entsteht durch Alltagstauglichkeit, durch die Erfahrung: Das funktioniert. Das bringt mir was. Das sichert meinen Job. Mein Haus. Meine Familie.

Ein schwäbischer Hausbesitzer wird die Wärmepumpe nicht lieben, weil sie CO₂ einspart. Sondern weil sie seine Nebenkosten halbiert. Und der Bastler auf dem Land wird die PV-Anlage nicht montieren, weil sie politisch korrekt ist, sondern weil sie sich rechnet. Präzise, verlässlich, ohne ideologisches Beiwerk. Menschen folgen nicht der Moral, sondern der Wirkung.

Genau hier liegt das Missverständnis: Die Grünen wollen das Richtige, aber sie erklären zu wenig, wie es funktionieren soll. Sie stehen für Fortschritt, aber ihre Sprache bleibt oft abgrenzend, elitär, belehrend. Dabei steckt in ihrer Agenda enormes Potenzial: Grüne Technologien können neue Wertschöpfung schaffen, Standortvorteile sichern, Energiepreise stabilisieren, industrielle Tiefenstrukturen modernisieren. Aber all das geschieht nicht automatisch. Es braucht Planung, Kapital, Arbeit, Raum, Rohstoffe, Geduld und den Mut, Widersprüche nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als Realitätskontakt.

Denn natürlich wird der Umbau nicht reibungslos. Natürlich wird es Konflikte geben. Aber wer das weiß, kann dafür Vorsorge treffen. Wer es verdrängt, wird überrollt. Ökologie ohne Industrie ist ein Traum: schön, aber wirkungslos. Industrie ohne Ökologie ist eine Sackgasse: profitabel, aber zerstörerisch für unseren Planeten. Beides zusammen wäre Politik. Im besten Sinne: gesellschaftlich legitimiert, wirtschaftlich tragfähig, ökologisch notwendig.

Die Grünen haben das Thema der Zukunft auf ihrer Seite. Aber sie haben zu selten eine Idee, wie man daraus Gegenwart macht. Und deshalb bleibt zu viel von ihrer Politik atmosphärisch: gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Was fehlt, ist nicht Überzeugung. Was fehlt, ist strategische Umsetzung. 

Denn am Ende zählt nicht, wie sehr man recht hat. Sondern, ob man Wirkung erzeugt. Und Wirkung entsteht nur dort, wo Politik sich einlässt auf das, was sie oft meidet: Industrie, Arbeit, Alltag, Macht.

Wenn die Grünen das schaffen, können sie die zentrale politische Kraft des 21. Jahrhunderts werden. Wenn nicht, bleiben sie das, was sie im Moment zu oft sind: die richtige Idee ohne Durchsetzungskraft. 

Und die AfD? Die schreit gegen alles Moderne ohne ein einziges Konzept. Sie ist keine Alternative. Sie ist Regression. Der politische Ausdruck eines Landes, das seine Gegenwart nicht mehr versteht und deshalb hier nicht der Rede wert.

Die Partei, die es bräuchte

Wenn man mit führenden Politikern spricht, hört man oft dasselbe Wort: Pfadtreue. Als wäre der Weg, auf dem wir uns bewegen, nicht nur eingeschlagen, sondern in Stein gemeißelt. Als wären Alternativen denkbar, aber nicht machbar. Als wäre jede echte Veränderung nur durch äußere Schocks möglich, durch etwas wie den 8. Mai 1945. Reformen dagegen? Eher langsam. Eine Veränderung der Pendlerpauschale? Frühestens in dreißig Jahren, mit viel Glück und vier Koalitionsverträgen.

In dieser Erzählung liegt eine bemerkenswerte Trägheit. Sie ist nicht böse gemeint, aber sie ist selbst eine Ideologie. Eine Ideologie des Weiterwurstelns, abgesichert durch Machterhalt, flankiert von Beraterfloskeln und abgesegnet durch die politische Mittelmäßigkeit der Umfragen. Veränderung gilt als Zumutung. Politik als Verwaltung des Bestehenden.

Dabei zeigt die Realität längst: Der Diskurs ist verschiebbar. Die Linke hat es vorgemacht, die AfD auch, wenn auch in destruktiver Weise. Beide haben demonstriert, dass es möglich ist, politische Achsen zu verlagern, Themen zu besetzen, Deutungen zu verschieben. Nicht über Nacht, aber durch Arbeit. Durch Wiederholung. Durch Spindoktoren, Medienstrategie, kulturelle Rahmung. Was fehlt, ist nicht die Möglichkeit, sondern der Wille. Was fehlt, ist der Mut.

Und genau das wäre der Anfang jener Partei, die es bräuchte.

Diese Partei wäre keine neue Ideologie. Kein Hoffnungsshop mit besseren Formulierungen. Sie wäre Haltung. Nüchternheit. Realitätssinn. Sie würde nicht versprechen, dass alles gleichzeitig geht. Sondern erklären, warum manches zuerst muss und anderes später kommt. Windräder ohne Gaskraftwerke? Geht nicht. Arbeitsmarkt ohne Migration? Geht auch nicht. Klimaneutralität ohne Industrie? Utopie. Subventionen ohne Gegenleistung? Unsinnig. Gerechtigkeit ohne Produktivität? Nicht finanzierbar.

Diese Partei würde nicht durch Umarmung wirken, sondern durch Handlung. Sie würde sagen: Ja, wir brauchen fossile Energien, aber nur, um die Infrastruktur aufzubauen, die sie überflüssig macht. Gas nicht als Ideologie, sondern als Brücke. Emissionen nicht als Ziel, sondern als Preis für Geschwindigkeit. Ja, wir müssen Subventionen geben, aber nicht als Streicheleinheit für Branchen, sondern als Teil einer Industriestrategie, die Wertschöpfung im Land hält und neue schafft. Nicht Gießkanne, sondern Richtung. Nicht Dauerzustand, sondern Übergang. Sie würde anerkennen, dass man manchmal das Unerwünschte zulassen muss, um das Notwendige möglich zu machen. Nicht aus Zynismus, sondern aus Priorität. Erst die Grundlage, dann die Reinheit. Erst die Kapazität, dann das Ideal. Es wäre Politik in der Reihenfolge der Wirkung, nicht der Moral.

Die Partei die es bräuchte würde nicht auf Applaus warten. Sie würde ihn sich erarbeiten. Und sie würde nicht in Bildern des Trostes sprechen, sondern in Bildern der Entschlossenheit. Kein Pathos. Kein Moralgepäck. Kein Hoffnungskitsch. Sondern: Klarheit.Diese Partei wäre eben wie Thomas Shelby. Kein Leuchtturm der Tugend. Aber jemand, der nicht zögert, wenn andere sich noch sammeln. Einer, der nicht verspricht, dass es leicht wird.Nnur, dass er es durchzieht. Dass er den Weg kennt. Und dass er ihn geht.

Entschlossenheit als politische Tugend

Das vielleicht größte Missverständnis unserer Zeit ist die Vorstellung, Pragmatismus sei nicht charismatisch. Als wäre Entschlossenheit ein kaltes Prinzip, das nur Managern gut steht, aber nicht in eine Demokratie gehört. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt: Gerade in einer Zeit überhitzter Empörung und schriller Narrative gewinnt Pragmatismus an Strahlkraft. Leise, aber machtvoll. Weil er nicht vorgibt, sondern vorangeht. Weil er nicht verspricht, sondern liefert.

Menschen folgen nicht nur denen, die am lautesten fordern. Sie folgen eben auch jenen, die verlässlich handeln. Nicht unbedingt sofort. Aber durchaus weil langfristig hieraus Charisma erwächst. Denn es gibt eine Form von Charisma, die eben nicht durch Pathos entsteht, sondern durch die stille Deckungsgleichheit von Wort und Wirklichkeit. 

Eine Partei, die das verinnerlicht hat, würde sich nicht anbiedern. Sie würde nicht versuchen, die Welt zu streicheln. Sie würde sagen, was ist und was zu tun ist. Dass nicht jeder Standort überleben wird. Aber neue entstehen werden. Dass nicht jede Entscheidung alle glücklich machen wird. Aber dass sie getroffen wird, mit Blick auf das Ganze.

Solch eine Partei würde nicht automatisch gewinnen. Vielleicht würde sie verlieren, weil sie aufrichtig ist. Aber sie hätte etwas, das anderen fehlt: Richtung. Und Richtung ist heute die knappste politische Ressource. Sie ersetzt keine Zustimmung, aber sie schafft Vertrauen. Langsam. Nachhaltig. Schritt für Schritt. 

Eine Partei wie Thomas Shelby. Nicht in der Gewalt, nicht in der Mütze mit Rasierklinge. Sondern in der Haltung. Shelby verspricht nichts, was er nicht halten kann. Wenn er redet, handelt er auch so. Und weil er so handelt, folgen ihm andere. Nicht weil sie ihn lieben. Sondern weil sie ihm zutrauen, den Weg zu Ende zu gehen. Entschlossenheit ist bei ihm eine Konstante. Eine Linie. Und am Ende: eine Quelle von Respekt.

Denn am Ende zählt nicht, was versprochen wurde. Sondern was funktioniert. Dass der Zug fährt. Dass der Strom da ist. Dass die Schule offen bleibt. Dass die Pflegekraft kommt. Dass der Wandel erklärbar bleibt und tragfähig. 

Je länger ich durch Shanghai gehe, desto klarer wird mir: Die eigentliche Stärke dieses Systems ist nicht seine Ideologie. Es ist nicht die rote Fahne. Es ist nicht der Hochglanz. Es ist die Entschlossenheit, Dinge möglich zu machen. Die Fähigkeit, aus Plan Realität zu formen. Und genau das fehlt uns. Nicht das Wissen. Nicht die Technik. Sondern der Wille, aus beidem etwas zu machen. Der Wille, das Richtige zu tun, auch wenn es unpopulär ist. 

Entschlossenheit ist keine Stilfrage. Sie ist die Grundlage aller Gestaltung. Und in einer Zeit der Beschleunigung, der Erschöpfung und der Verunsicherung ist sie vielleicht die politischste Tugend von allen.

In Teil  5: Der Preis des Pragmatismus geht es nicht mehr um Entschlossenheit als Tugend, sondern um ihre Kosten. Denn Pragmatismus lässt sich leicht fordern. Schwerer ist es, seinen Preis zu benennen. Was heißt es konkret, wenn das Klima nicht schnell genug gerettet wird? Wenn Betriebe schließen, Standorte verschwinden, Renten reformiert oder gekürzt werden müssen? Wenn Sicherheit Geld kostet und Transformation Verlierer kennt? Sich diese Härten klarzumachen, ohne Ausflucht, darum wird es gehen.